Interview mit dem Vorsitzenden zur aktuellen Lage im Paderborner Einzelhandel

1. Seit 50 Jahren ist die Westernstraße in Paderborn autofrei. Was wäre Paderborn ohne die Fußgängerzone?

Paderborn wäre ohne die Fußgängerzone sicherlich eine andere Stadt. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Innenstadt und die Einzelhandelsflächen so dynamisch entwickeln konnten. Sie ist heute Einkaufsraum und Treffpunkt.

2. Was wäre aus Ihrer Sicht das schönste oder sinnvollste Geschenk für die Fußgängerzone?

Das schönste Geschenk sind die Menschen selbst: Wenn sie respektvoll miteinander umgehen, durch die Innenstadt bummeln, einkaufen, sich treffen und die Gastronomie genießen. Denn eine Fußgängerzone lebt von den Menschen, die sie nutzen.

3. Deutschlands Innenstädte haben laut Deutschlandstudie wieder an Attraktivität gewonnen. Trifft das auch auf Paderborn zu?

Ja, eindeutig. Paderborn befindet sich in einem großen Wandel, auch der Einzelhandel formiert sich teilweise neu. Natürlich gibt es aktuell große Baustellen, etwa das ehemalige Kaufhof-Areal oder die Entwicklung rund um die neue Stadtverwaltung. Wenn diese Flächen mit Leben gefüllt werden, wird die Innenstadt noch attraktiver. Trotz der Baustellen ist Paderborn aber weiterhin sehr gut aufgestellt.

4. Was ist notwendig, damit das gute Niveau gehalten oder verbessert werden kann?

Die Aufenthaltsqualität ist entscheidend. Die Menschen wollen eine Innenstadt sicher, bequem und gut erreichbar erleben. Dazu gehören Begrünung, Sitzmöglichkeiten, Spielangebote, ausreichend öffentliche Toiletten und attraktive Plätze. Eine Innenstadt muss für Jung und Alt, für Familien und Einzelpersonen gleichermaßen funktionieren.

5. Die Stadtkasse ist leer. Welche Sorgen bereitet Ihnen das?

Natürlich bereitet mir das Sorgen. Bei allen Sparmaßnahmen darf man die Innenstadt als Herz der Stadt nicht außer Acht lassen. Es muss weiterhin investiert werden, um das gute Niveau zu halten bzw. die Attraktivität weiter auszubauen.

6. Gibt es Auswirkungen der Großbaustellen auf die Besucherzahlen?

Aktuell haben wir leider keine Frequenzmessungen. Die bisherigen Werte waren aber sehr stabil: Unter der Woche kamen rund 20.000 Menschen, samstags etwa 25.000 bis 30.000 in die Innenstadt. Nach unserem Eindruck hat sich daran grundsätzlich wenig verändert.

7. Gibt es eine Renaissance des stationären Handels?

Der Online-Handel hat seinen festen Platz gefunden. Gleichzeitig zeigt die CIMA-Studie, dass mehr als 83 Prozent der Menschen gerne zum Einkaufen in die Innenstadt kommen – viele davon regelmäßig. Der stationäre Handel punktet mit persönlicher Beratung, Service und dem Einkaufserlebnis.

8. Wie zufrieden sind Sie mit der Leerstandssituation?

Leerstände zu füllen, dauert manchmal länger, als uns lieb ist. Aber wir erleben immer wieder, dass freie Flächen nach einer gewissen Zeit neu besetzt werden. Deshalb bin ich grundsätzlich zuversichtlich, auch wenn wir Geduld brauchen.

9. Was ist gut am gastronomischen Angebot und wo gibt es Lücken?

Paderborn ist gastronomisch sehr gut und breit aufgestellt. Das gilt nicht nur für die Westernstraße, sondern für die gesamte Innenstadt bis hin zum Paderquellgebiet. Auch das Europäische Kulturerbe-Siegel ist wichtig für dieser Entwicklung. Wünschenswert ist, dass sich gerade die Außengastronomie weiterhin so positiv entwickelt wie in diesem Sommer.

10. Was bedeutet eine mögliche Primark-Schließung in Bielefeld für den stationären Handel?

Sie zeigt, dass im stationären Handel ein Wandel stattfindet. Gerade große Textilketten stehen vor der Herausforderung, dauerhaft Kundschaft zu gewinnen. Gleichzeitig verändert sich das Bewusstsein der Verbraucher. Nachhaltigkeit wird wichtiger, während das reine Geschäftsmodell der Billigmode zunehmend hinterfragt wird.

11. Wie zufrieden sind Sie mit den Aktivitäten des Citymanagements?Entscheidend ist eine enge Abstimmung zwischen Stadt, Citymanagement, Werbegemeinschaft, Handel, Gastronomie und Immobilieneigentümern. Wir sollten möglichst früh miteinander sprechen und gemeinsam Projekte entwickeln.

12. Wie ist die Idee zum Moonlight-Shopping entstanden?

Wir hatten schon länger vor, wieder ein Moonlight-Shopping durchzuführen. 50 Jahre autofreie Westernstraße waren dafür der perfekte Anlass. Besonders macht die Veranstaltung das Abendflair mit den Weinverkostungen in unseren Mitgliedsbetrieben. Einkaufen, Erleben und Genießen gehören hier zusammen.

13. Welche Erlebnisse will die Werbegemeinschaft 2027 präsentieren?

Wir wollen Bewährtes weiterführen: Frühlingsfest, Paderbrunch, Die Lange Nacht der Kirchen, Kunst trifft Garten und ein weiteres Moonlight-Shopping. Auch die vier verkaufsoffenen Sonntage stehen bereits fest. Weitere Formate prüfen wir gemeinsam mit dem Stadtmarketing. Lassen Sie sich überraschen.

14. Wie wichtig ist der Einkaufsgutschein?

Sehr wichtig – und seine Bedeutung nimmt weiter zu. Der Gutschein bindet Kunden an die Stadt und stärkt den stationären Handel, die Gastronomie und die Dienstleistungsbetriebe. Das Geld bleibt vor Ort und kommt unmittelbar unseren teilnehmenden Betrieben zugute. Deshalb sind wir froh, mit dem Gutschein der Werbegemeinschaft ein solches Instrument zu haben.

15. Wenn Sie die Ergebnisse der Deutschlandstudie in einem Satz für Paderborn zusammenfassen müssten?

„Einkaufen, Erleben, Genießen“ – dieser Leitspruch der Werbegemeinschaft gilt heute mehr denn je.
Der Einzelhandel bleibt der Frequenzbringer, gleichzeitig werden Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen immer wichtiger. Auch die verkaufsoffenen Sonntage haben weiterhin ihre Berechtigung und ziehen viele Menschen in die Innenstadt. Und unser Gutschein stärkt Handel, Gastronomie und Dienstleistungen unmittelbar vor Ort. Eine lebendige Innenstadt braucht all diese Bausteine.

Dieses Interview ist erstmals erschienen im WESTFÄLISCHEN VOLKSBLATT am 2. Oktober 2026.